Testosteron bei Kinderwunsch: Welcher Wert ist bei Frauen optimal?
Bei Testosteron denken die meisten Menschen zunächst an männliche Hormone, Muskeln und Sexualtrieb.
Doch auch wir Frauen brauchen Testosteron, und zwar nicht wenig davon.
Was viele nicht wissen: Abgesehen von den Tagen vor dem Eisprung befindet sich im Körper der Frau zeitweise ebenso viel oder sogar mehr Testosteron als Östrogen.
Und das ist kein Wunder.
Denn Testosteron reguliert nicht nur den Sexualtrieb und die frühe Eizellreifung, sondern ist auch für Energie, Muskelkraft und Knochen wichtig. Besonders bei Frauen um die 35 mit niedriger Eizellreserve und einer schwachen Reaktion auf eine IVF-Stimulation lohnt es sich deshalb, den Testosteronwert genauer anzuschauen und gegebenenfalls aufzubauen.
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Frauen bilden mehr Testosteron, als viele denken
Bei Frauen entsteht Testosteron hauptsächlich an zwei Orten:
- in den Eierstöcken,
- in den Nebennieren.
Testosteron gehört zu den Androgenen. Zu dieser Hormongruppe zählen außerdem DHEA, Androstendion und Dihydrotestosteron. Meist wird Testosteron aus den Vorstufen DHEA und Androstendion gebildet.
Androgene unterstützen die frühe Follikelentwicklung und erhöhen wahrscheinlich die Empfindlichkeit der Granulosazellen gegenüber FSH. Ich denke, darin könnte der Hauptvorteil einer Supplementierung mit DHEA oder Testosteronpflastern liegen: Eine gewisse Menge Testosteron hilft den Follikeln dabei, besser auf die Wachstumssignale zu reagieren, die aus dem Gehirn kommen.
Außerdem ist Testosteron oft sogar eine Vorstufe von Östradiol. Mithilfe des Enzyms Aromatase können Granulosazellen – die „Helferinnen“ der Eizelle, Androgene in Östrogene umwandeln.

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Welcher Testosteronwert ist bei Kinderwunsch sinnvoll?
Es gibt keinen einzigen Testosteronwert, der für jede Frau mit Kinderwunsch optimal ist. Viele Labore geben für erwachsene Frauen einen Referenzbereich für das Gesamttestosteron von 0,15 bis 0,70 ng/ml. Das entspricht 15 bis 70 ng/dl.
Manchmal geben Labore die Werte auch in nmol/l an. Dann müssen die Einheiten umgerechnet werden, was mithilfe entsprechender Rechner im Internet sehr einfach ist. Ich benutze oft diese seite hier:
Können Frauen zu wenig Testosteron haben?
Wenn man die Fachliteratur liest, weisen Fachgesellschaften häufig darauf hin, dass es bei gesunden Frauen keinen klar definierten Testosteronmangel mit einem festen unteren Grenzwert gibt.
Auch wenn ich das persönlich schade finde, ist es verständlich: Welche Behörde oder Institution könnte einen solchen unteren Referenzwert definieren – und anhand welcher Kriterien?
Androgene sind für die frühe Reifung der Eizellen von großer Bedeutung. Es gibt zahlreiche Studien mit Frauen mit POI beziehungsweise verminderter ovarieller Reserve, die Zusammenhänge zwischen niedrigen Testosteronwerten, einer schwachen Reaktion auf die IVF-Stimulation und niedrigen Schwangerschaftsraten gefunden haben. Natürlich beweist das noch nicht, dass eine Supplementierung mit DHEA oder Testosteronpflastern im Stimulationszyklus das Problem automatisch lösen würde.
Ich persönlich werde aufmerksam, wenn das Gesamttestosteron bei einer Frau mit Kinderwunsch deutlich unter 20 ng/dl liegt; besonders dann, wenn gleichzeitig weitere Auffälligkeiten bestehen:
Ein Arzt, vor dem ich sehr viel Respekt habe – Dr. Gleicher vom Center for Human Reproduction in New York, sagte mir bereits vor vielen Jahren, dass der Zielwert für das Gesamttestosteron bei Frauen mit Kinderwunsch ungefähr zwischen 30 und 40 ng/dl liegen sollte.
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Warum das Gesamttestosteron Wert allein nicht ausreicht
Der größte Teil des Testosterons schwimmt nicht frei im Blut. Es ist an Transportproteine gebunden, vor allem an SHBG, das sexualhormonbindende Globulin.
Nur ein kleiner Anteil liegt frei beziehungsweise biologisch leichter verfügbar vor.
Deshalb kann eine Frau ein normales Gesamttestosteron haben, aber trotzdem nur wenig verfügbares Testosteron. Umgekehrt kann ein niedriger SHBG-Wert dazu führen, dass trotz eines scheinbar normalen Gesamtwertes relativ viel freies Testosteron wirkt.
Wenn Sie Ihre Androgene sinnvoll untersuchen möchten, sollten Sie deshalb mindestens diese beiden Werte bestimmen lassen:
- Gesamttestosteron,
- SHBG.
Zusätzlich kann das Labor den freien Androgenindex berechnen:
Freier Androgenindex = Gesamttestosteron in nmol/l ÷ SHBG in nmol/l × 100
Je nach Situation sind außerdem folgende Werte hilfreich:
- DHEAS,
- Androstendion,
- 17-OH-Progesteron.
Ein praktischer Tipp: Wann sollte Testosteron gemessen werden? Für Testosteron gilt Ähnliches wie für andere Fruchtbarkeitshormone: Am besten lassen Sie den Wert zu Beginn des Zyklus bestimmen.
Bei einem regelmäßigen Zyklus bedeutet das ungefähr zwischen dem zweiten und fünften Zyklustag. Wenn Sie gleichzeitig auch die anderen relevanten Hormone bestimmen lassen, erhalten Sie auf einmal jede Menge sinnvoller Informationen.
Zu viel Testosteron: häufig bei PCOS
Wenn eine Frau hohe Testosteron- und generell erhöhte Androgenwerte hat, kann das auf PCOS hinweisen. Typischerweise kommen folgende Symptome hinzu:
- lange und/oder sehr unregelmäßige Zyklen,
- seltene Eisprünge,
- Akne und fettige Gesichtshaut,
- stärkere Körper- oder Gesichtsbehaarung,
- manchmal dünne Haare oder sogar Haarausfall,
- schnelle Gewichtszunahme,
- Insulinresistenz.
The good news: Ein erhöhter Testosteronwert muss nicht bedeuten, dass eine Frau nicht schwanger werden kann. Viele Frauen mit PCOS besitzen eine gute oder sogar sehr gute ovarielle Reserve.
Ich nenne den unerfüllten Kinderwunsch bei Frauen mit PCOS manchmal ein Luxusproblem. Denn im Unterschied zu einer POI- beziehungsweise früher sogenannten POF-Diagnose sind hier viele Eizellen vorhanden – auch wenn diese möglicherweise eine leichte Reifungsstörung haben.
Deshalb brauchen Sie bei PCOS nicht automatisch ein Präparat, das Testosteron „senkt“. Ja, es gibt Nahrungsergänzungsmittel, die bei PCOS nachweislich helfen können. Zunächst sollten Sie aber versuchen, durch Lebensstil und Ernährung Insulinresistenz, Zyklus, Gewicht und Schilddrüse in den Griff zu bekommen. Vieles andere verbessert sich anschließend von selbst.
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Testosteronwerte lassen sich auf natürliche Weise unterstützen: mit einer guten Versorgung an B-Vitaminen und Zink, zwei bis drei leichten Krafttrainingseinheiten pro Woche sowie einer nährstoffreichen Ernährung, die Kraft und Energie zurückbringt.
Denken Sie in der Kinderwunschzeit außerdem an Mikronährstoffe, die für die Energieproduktion und Eizellreifung besonders wichtig sind:
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Warum wird Testosteron bei Frauen niedrig?
Bevor Sie weiterlesen, fragen Sie sich zunächst:
Wo fehlt mir die Kraft?
Wo fehlt mir die Lust?
Ein niedriges Körpergewicht, beispielsweise ein BMI unter 19, strenge Diäten und intensives Training können sowohl das Testosteron als auch die gesamte reproduktive Hormonachse herunterfahren und tief in den Dornröschenschlaf versetzen.
Wenn neben dem Testosteron auch LH, FSH und Estradiol schwächeln, braucht Ihr Körper möglicherweise keine weitere Feinoptimierung. Er braucht vor allem mehr Energie: tierische Proteine, gute Fette und ausreichend Kalorien.
Auch viel Schlaf, gutes Licht, B-Vitamine und Zink können helfen. Und dann gibt es noch etwas, das sich seit jeher bewährt hat: leichtes Krafttraining zwei- bis dreimal pro Woche. Sie müssen es damit nicht übertreiben.
Kräftigende Fleischsuppen sowie bestimmte Kräuter wie Tribulus und Ginseng sind ebenfalls als natürliche Testosteron-Booster bekannt.
Lassen Sie Ihren Wert deshalb überprüfen und bei Bedarf gezielt verbessern. So unterstützen Sie nicht nur Kraft und Libido, sondern auch die frühe Reifung Ihrer Eizellen.
Literatur
- Teede HJ et al. Recommendations from the 2023 International Evidence-based Guideline for the Assessment and Management of Polycystic Ovary Syndrome. Human Reproduction. 2023;38:1655–1679. Leitlinie ansehen.
- Wierman ME et al. Androgen therapy in women: a reappraisal. An Endocrine Society Clinical Practice Guideline. J Clin Endocrinol Metab. 2014;99:3489–3510.
- Davis SR et al. Global Consensus Position Statement on the Use of Testosterone Therapy for Women. J Clin Endocrinol Metab. 2019;104:4660–4666. Zusammenfassung der Endocrine Society.
- Qin Y et al. Low basal serum testosterone levels are associated with poor IVF outcomes in women with diminished ovarian reserve. Reprod Biol Endocrinol. 2014;12:29. Studie ansehen.
- Neves AR et al. Therapeutic management in women with a diminished ovarian reserve: a systematic review and network meta-analysis. Fertil Steril. 2024. Publikation ansehen.


