Gibt Social Freezing falsche Sicherheit?
Was eingefrorene Eizellen wirklich versprechen
Social Freezing, also das Einfrieren von Eizellen, ist im Mainstream voll angekommen. In letzter Zeit glühen meine Google Alerts am Ende der Woche mit Dutzenden neuen Artikeln, die gern etwas Neues über Social Freezing sagen würden.
Schade eigentlich, dass viele Journalisten wenig echtes Wissen zu diesem Thema haben. Und vielleicht auch zu wenig Neugier, um unter die Oberfläche zu schauen, denn nur so kann ich mir erklären, dass alle Artikel wie Eier in einer Packung einander ähneln.
Social Freezing – an die falsche Gruppe vermarktet und deshalb falsche Hoffnungen erzeugend?
Social Freezing wird heute in den Medien häufig als eine Art Versicherung gegen die biologische Uhr verkauft: Eizellen einfrieren, Karriere und Partnersuche entspannt weiterlaufen lassen, und den Kinderwunsch später erfüllen, wenn es eben besser passt.
Viele Schauspielerinnen haben es angeblich so gemacht. Ob aus ihren eingefrorenen Eizellen jemals Kinder entstehen werden, erfahren wir später nicht.

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Eizellen einfrieren ist etwas für junge Frauen, Punkt.
Die Methode an sich ist ein Hammer und die einzige Möglichkeit, die wir Menschen haben, um die biologische Uhr ein wenig auf Stand-by zu setzen.
Für junge Frauen kann Social Freezing mit beispielsweise 40 bis 50 eingefrorenen Eizellen im Alter von 20 bis 25 Jahren eine der besten Entscheidungen ihres Lebens werden: falls der Prinz nicht kommt, falls er nicht zeugungsfähig ist und sie mit ihm wertvolle fruchtbare Zeit verliert oder falls sie in der zweiten Lebenshälfte noch einmal heiratet und noch ein eigenes Kind in die Welt setzen möchte.
Aber eine Versicherung für Frauen über 35 ist Social Freezing ganz sicher nicht.
Denn eingefrorene Eizellen garantieren weder einen Embryo noch eine Schwangerschaft und schon gar kein gesund geborenes Kind.
Sozial Freezing garantiert kein happy end
Das habe ich in meiner Beratung bereits erlebt. Besonders mitgenommen hat mich der Fall einer Frau, bei der aus zwei Paketen mit jeweils 20 (in einer der besten kalifornischen Kliniken) eingefrorenen Eizellen nur zwei Embryonen entstanden sind, und keiner davon zu einer Schwangerschaft führte.
In einer solchen Situation werden Frauen „beyond angry“. Ihr Schmerz ist fast unerträglich, und selbst mir fällt es dann schwer, die nötige Distanz zu bewahren.
Dabei frieren die meisten Frauen noch deutlich weniger Eizellen als 40 ein. Deshalb kann ich dazu kann ich nur sagen: Wer glaubt, mit einigen wenigen, erst Ende 30 eingefrorenen Eizellen sei der spätere Kinderwunsch abgesichert, wiegt sich in einer Pseudosicherheit.
Wer glaubt, mit einigen wenigen, erst Ende 30 eingefrorenen Eizellen sei der spätere Kinderwunsch abgesichert, wiegt sich in einer Pseudosicherheit.
Spielen Sie mit dem Gedanken, Ihre Eizellen oder Embryonen einfrieren zu lassen? Wenn Sie das Gefühl haben, dass meine Einschätzung Ihnen Orientierung geben könnte, können Sie ganz einfach einen Video-Call mit mir vereinbaren. Sie schicken mir vorab einige Fotos Ihrer Labor- und Hormonwerte, und anschließend besprechen wir alles ganz unkompliziert. Hier finden Sie weitere Infos.
Was ist Social Freezing und wie wird es gemacht?
Beim Social Freezing werden unbefruchtete Eizellen aus persönlichen, also nicht medizinischen Gründen eingefroren (z.B. wegen einer Krebstherapie). Deshalb muss die Frau die Kosten der Behandlung selbst tragen.
Zunächst muss sie ungefähr zwei Wochen lang Hormone spritzen, damit mehrere Follikel gleichzeitig heranreifen. Das ist kein Spaß, aber auch kein Drama, wie viele befürchten. Die Nadeln sind dünn und wirklich auszuhalten. Bedenken Sie, dass Menschen mit Typ-1-Diabetes Ähnliches jeden Tag machen müssen.
Anschließend werden die Eizellen im Rahmen einer Punktion entnommen. Im Labor wird geprüft, welche Eizellen reif sind. Nur reife Eizellen im sogenannten Metaphase-II-Stadium werden normalerweise eingefroren.
Heute geschieht das meistens durch Vitrifikation. Dabei werden die Eizellen extrem schnell in einen glasartigen Zustand versetzt. Dadurch entstehen deutlich weniger Eiskristalle, die Zellmembranen und Organellen beschädigen könnten. Diese Technik funktioniert inzwischen ganz gut.
Wie viele Eizellen werden später zu Babys?
Wenn eine Frau ihre Eizellen verwenden möchte, werden diese im Labor aufgetaut. Ab hier wird es problematisch, und die Branche spricht darüber noch nicht besonders gern und ehrlich.
Nachdem die Eizellen aufgetaut wurden, beginnt häufig eine unberechenbare Verlustkette:
- Die Eizelle muss das Auftauen überleben. Vielleicht hat die Frau ihre Eizellen in einem Labor einfrieren lassen und möchte sie in einem anderen auftauen? Vielleicht lebt sie inzwischen in einem anderen Land, die Zellen müssen auf Eis transportiert werden oder die Klinik hat ihre Protokolle geändert?
- Die Eizelle muss nach dem „Erwachen“ vollständig funktionsfähig bleiben. Doch wie funktionieren ihre Mitochondrien, nachdem ihr zunächst das Wasser entzogen und sie anschließend wieder rehydriert wurde?
- Ein Spermium wird mithilfe einer ICSI-Nadel direkt in die Eizelle gespritzt. Auch das wirbelt die feine Mikroarchitektur der Zelle komplett auf. Glauben Sie mir: wenn Sie einmal eine ICSI gesehen haben, möchten Sie nie wieder ein Gleichheitszeichen zwischen IVF und ICSI setzen.
- Die Befruchtung muss funktionieren – also die Verschmelzung zweier Chromosomensätze und das Ausstoßen des zweiten Polkörpers. Alles ist wahnsinnig filigran und fein.
- Der Embryo muss sich aus eigener Kraft über mehrere Tage weiterentwickeln.
- Idealerweise entsteht eine übertragbare Blastozyste.
- Diese muss sich einnisten.
- Schließlich muss sich die Schwangerschaft gesund weiterentwickeln.
Bei jedem dieser Schritte gehen Eizellen oder Embryonen verloren. Deshalb hört man von allen IVF-Kliniken, dass sie Eizellen einfrieren – aber nicht, wie viele Frauen später damit schwanger werden. Und schon gar nicht, ob am Ende gesunde Kinder geboren wurden.
Vielleicht wird es eines Tages anders, was ich allerdings zu bezweifeln wage. Im Moment ist die Lage jedenfalls so. Und sie wird einem breiten Publikum, das viele Hoffnungen in die Methode setzt, nicht ausreichend kommuniziert.
Wann macht Social Freezing Sinn?
Warum das Alter beim Einfrieren entscheidend ist
Die wichtigste Zahl beim Social Freezing ist nicht das Alter, in dem Sie die Eizellen wieder auftauen. Dieses Alter ist relativ unwichtig. (Eine lange Lagerung verursacht allerdings monatliche Gebühren, z.B. wie für ein zweites Handy).
Eine Eizelle, die mit 30 Jahren eingefroren wird, behält im Wesentlichen die biologischen Eigenschaften einer 30-jährigen Eizelle – auch wenn sie erst mit 41 verwendet wird. Allerdings kann Social Freezing nur den Zustand konservieren, der zum Zeitpunkt der Punktion vorhanden war.
Wenn eine Frau also ihre Eizellen erst mit 39 oder 40 Jahren einfrieren lässt, werden Eizellen konserviert, bei denen die Wahrscheinlichkeit für Chromosomenfehler deutlich höher ist. In diesem Alter ist es oft besser, die Eizellen direkt befruchten zu lassen. Wer keinen Partner hat, kann über einen Samenspender nachdenken, statt die Eizellen unbefruchtet auf Eis zu legen.
Wie viele Eizellen braucht man für ein Kind?
Darauf gibt es keine Zahl, die für jede Frau gilt. Denn jede Frau besitzt eine individuelle Eizellqualität.
Wie viele Eizellen sie einfrieren sollte, hängt vor allem ab von:
- ihrem Alter beim Einfrieren,
- der Qualität der Arbeit im Labor,
- dem Erfolg des Auftauens,
- der Samenqualität: geprüfter Samenspender oder eigener Partner?
Mehrere Reviews, also wissenschaftliche Übersichtsarbeiten, kamen zu dem Ergebnis, dass mindestens 20 gute Eizellen, die vor dem 38. Geburtstag eingefroren wurden, mit einer Wahrscheinlichkeit von knapp 70 Prozent zu einem Kind führen könnten.
Wie hoch ist die Chance auf ein Kind?
Ein weiterer Review untersuchte Frauen, die tatsächlich in die Klinik zurückkehrten, um ihre Eizellen zu verwenden. Die “live birth rate” lag insgesamt bei ungefähr 28 Prozent. Dabei unterschieden sich die Ergebnisse deutlich nach dem Alter beim Einfrieren:
- bis 35 Jahre: ungefähr 52 Prozent,
- zwischen 36 und 39 Jahren: ungefähr 34 Prozent,
- ab 40 Jahren: ungefähr 19 Prozent.
Mein Video zum Thema Sozial Freezing mit dem Kinderwunscharzt Dr. Hannen finden Sie hier:
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Fazit: Social Freezing ist höchstens eine Chance und ganz sicher keine Versicherung
Social Freezing kann jungen Frauen mehr Zeit und zusätzliche reproduktive Möglichkeiten geben.
Aber es schafft keine Sicherheit, und schon gar nicht für Frauen, die zum Zeitpunkt des Einfrierens bereits über 35 Jahre alt waren.
Man bekommt eine zusätzliche Chance. Doch die Natur haben wir mit Sozial Freeizng noch lange nicht außer Kraft gesetzt.
Literatur
- ESHRE Guideline Group on Female Fertility Preservation. ESHRE guideline: female fertility preservation. Human Reproduction Open. 2020.
- Practice Committee of the American Society for Reproductive Medicine. Evidence-based outcomes after oocyte cryopreservation. Fertil Steril. 2021.
- Hirsch A et al. Planned oocyte cryopreservation: a systematic review and meta-regression analysis. Human Reproduction Update. 2024.
- Cascante SD et al. Planned oocyte cryopreservation: the state of the ART. Reprod Biomed Online. 2023.
- Kakkar P et al. Outcomes of social egg freezing: a cohort study and a comprehensive literature review. 2023.


