mRNA-Injektion in Eizellen: Bald Teil der Kinderwunschbehandlung?
Also, jetzt bitte die Ohren spitzen und kurz konzentrieren – denn jetzt kommt etwas wirklich Wichtiges.
Ich war kürzlich auf dem ESHRE-Kongress. Die jährliche Konferenz hat mir gutgetan und einige erstaunliche Insights gebracht, die ich unbedingt mit Ihnen teilen möchte.
Mit mehr als 12.500 Teilnehmern ist die Jahrestagung der European Society of Human Reproduction and Embryology der wichtigste Fachkongress für Reproduktionsmedizin in Europa. Embryologen, Reproduktionsmediziner, Genetiker, Zellbiologen und Therapeuten aus der Kinderwunschbranche treffen sich hier, um ihre Forschungsergebnisse, Erfahrungen und Beobachtungen zu teilen.
Nur etwa 374 Teilnehmer kamen dieses Jahr aus Deutschland. darunter auch Mitarbeiter großer internationaler Konzerne wie Merck. Das entspricht knapp drei Prozent aller Teilnehmenden. Für ein Land mit mehr als 80 Millionen Einwohnern ist das erstaunlich wenig.
Da es in den vergangenen Jahren ähnlich war und die embryonale Stammzellforschung in Deutschland verboten ist, scheint sich darüber niemand mehr zu wundern. Auch hinterfragt kaum jemand, warum deutlich mehr Kollegen aus China, Ägypten oder Indien auf dem europäischen Kongress anwesend sind als aus dem vermeintlichen Motor der EU.
Dafür dominieren die Engländer und Spanier. Auch Tschechien, Griechenland und der Iran haben sich einen guten Platz in der reproduktionsmedizinischen Landschaft erkämpft.
Welche Neuigkeiten könnten den Kinderwunsch von morgen verändern?
Auf dem Kongress gab es Hunderte Vorträge und Poster in parallelen Sessions. Niemand kann alles sehen. Als ich jünger war, bin ich von Saal zu Saal gelaufen. Sobald ich die Diagramme verstanden hatte, bin ich weiter zum nächsten Raum gerannt.
Das muss ich heute nicht mehr machen. Ist mein Blick inzwischen viel klarer geworden, oder gehen der Branche langsam die Ideen aus?
Kann ich noch nicht sagen.
Anyway, ich habe für Sie drei Entwicklungen herausgefiltert, die mich aus unterschiedlichen Gründen besonders beschäftigt haben. Aus meiner Sicht sollten sowohl Fachleute als auch Frauen und Paare mit Kinderwunsch sie kennen.
Meine drei persönlichen Highlights habe ich außerdem in einem kurzen Video zusammengefasst, quasi so, als würden wir uns während einer Kaffeepause auf dem Kongress darüber unterhalten.
1. Eizellverjüngung durch mRNA? Max-Planck-Institut aus Göttingen präsentiert ein neues Konzept
Die Geschichte geht so: Bisher konzentriert sich die Kinderwunschmedizin vor allem darauf, Eizellen zu stimulieren, aus den Eierstöcken zu gewinnen und anschließend im Labor Embryonen herstellen zu lassen.
Die Eizelle selbst wird vor der Befruchtung nicht behandelt. Weil sie groß, empfindlich und chromosomal zerbrechlich ist, lässt man sie vor der Befruchtung im Labor typischerweise einfach einige Stunden ruhen.
Das könnte sich jetzt ändern. Die Eizelle könnte eine mRNA-Spritze bekommen, noch bevor sie mit einer Samenzelle befruchtet wird.
Die Arbeitsgruppe um Professorin Melina Schuh untersucht die Meiose menschlicher Eizellen so genau wie kaum eine andere Forschungsgruppe weltweit. Zurzeit fragen sich die Wissenschaftler in der Gruppe, ob man bestimmte altersabhängige Chromosomenfehler in menschlichen Eizellen durch eine mRNA-Injektion wenige Stunden vor der Befruchtung reduzieren könnte.
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Warum ältere Eizellen chromosomal instabil werden
Menschliche Eizellen entstehen bereits vor der Geburt. Ihre Chromosomen müssen deshalb über Jahrzehnte stabil zusammengehalten werden.
Eine entscheidende Rolle spielt dabei der sogenannte Cohesin-Komplex. Man kann ihn sich wie winzige molekulare Sicherheitsringe vorstellen, die zusammengehörende Chromosomen miteinander verbinden.
Mit zunehmendem Alter werden diese Verbindungen schwächer. Dadurch können sich Chromatiden zu früh voneinander lösen und bei der Reifeteilung falsch verteilt werden. So entstehen Eizellen mit einer falschen Chromosomenzahl, sogenannte aneuploide Eizellen.
Das ist einer der wichtigsten Gründe dafür, dass mit zunehmendem Alter der Frau:
- weniger Eizellen entwicklungsfähig sind,
- mehr Embryonen Chromosomenfehler tragen,
- die Wahrscheinlichkeit einer Einnistung sinkt,
- Fehlgeburten häufiger werden.
Die Göttinger Forscher konzentrierten sich auf Shugoshin 1, kurz SGO1. Dieses Protein schützt die Cohesin-Ringe an den Chromosomen. Sein Name bedeutet auf Japanisch ungefähr „Schutzgeist“. Mit zunehmendem Alter scheint dieser Schutzgeist schwächer zu werden.
Was die Forscher gemacht haben
In der vorgestellten präklinischen Untersuchung wurden unreife, für die Behandlung nicht verwendete menschliche Eizellen mit einer mRNA mikroinjiziert, die den Bauplan für SGO1 enthält. Daraufhin stellte die Eizelle selbst zusätzliches SGO1-Protein her.
Das Ergebnis war bemerkenswert: Die Häufigkeit einer vorzeitigen Trennung der Schwesterchromatiden konnte ungefähr halbiert werden. In die Analyse gingen 111 menschliche Eizellen von mehr als 30 Frauen zwischen 22 und 43 Jahren ein. Damit liefert die Studie einen ersten Hinweis darauf, dass bestimmte altersabhängige Chromosomenfehler möglicherweise nicht vollkommen unvermeidbar sind. Aber ist mRNA Spritze die Lösung?
Werden mRNA-Injektionen bald Teil einer Kinderwunschbehandlung?
Die Forschung zur mRNA-Spritze für Eizellen befindet sich noch im präklinischen Stadium und wurde bisher lediglich als Preprint und Kongressbeitrag vorgestellt. Untersucht wurden unreife Eizellen, die für eine Kinderwunschbehandlung ungeeignet waren und anschließend im Labor nachreiften.
Trotz dieser noch sehr zarten In-vitro-Daten wurde bereits eine Firma gegründet, und viele kluge Köpfe treiben das Projekt mit großen Erwartungen voran. Doch entscheidende Fragen sind weiterhin offen:
Wir wissen noch nicht, ob die mit mRNA behandelten Eizellen normal befruchtet werden können. Ebenso unklar ist, was später im Embryo mit der eingebrachten mRNA geschieht, wie sich die injizierte Menge zuverlässig dosieren lässt und ob unerwartete Folgen für die weitere Embryonalentwicklung oder die Gesundheit der auf diese Weise gezeugten Kinder entstehen könnten.
2. Der Lifestyle der Eltern beeinflusst die Chance auf ein gesundes Kind
Der zweite große Trend bei der Konferenz war weniger spektakulär, aber für Paare mit Kinderwunsch aber viel wichtiger und vor allem leichter umzusetzen.
In einer gemeinsamen Session mit der amerikanischen ASRM, einer der wichtigsten Fachgesellschaften für Reproduktionsmedizin, ging es darum, wie Körpergewicht, Ernährung, Insulinsensitivität, Mikrobiom und Umweltbelastungen beider Eltern die Schwangerschaftschancen beeinflussen – wobei der Schwerpunkt stärker auf der Mutter lag.
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Der Zeitraum, der international immer mehr in den Fokus der Branche rückt, beginnt ungefähr drei bis fünf Monate vor der Befruchtung. Das ist logisch, denn die Eizelle entsteht nicht erst im Behandlungszyklus.
Natürlich entstehen die Eizellen bereits vor der Geburt der Frau. Zunächst schlafen sie jedoch tief und fest und sind für äußere Einflüsse praktisch unerreichbar.
In den drei bis fünf Monaten vor dem Eisprung „wacht“ der Follikel auf. In welcher Reihenfolge die einzelnen Follikel im Laufe der fruchtbaren Lebensphase der Frau erwachen, verstehen wir Menschen noch nicht.
Anschließend durchläuft der Follikel einen intensiven Wachstums- und Reifungsprozess. Die Eizelle vergrößert sich, wird gewissermaßen zu einer Supernova und vermehrt ihre Mitochondrien. Gleichzeitig verändern diese ihre Größe und Funktion. Diese Phase ist biologisch besonders sensibel.
Warum die drei bis fünf Monate vor der Befruchtung entscheidend sind
Auch Samenzellen brauchen Zeit
Beim Mann dauert die Bildung neuer Samenzellen ungefähr zweieinhalb bis drei Monate. Anschließend folgt eine letzte Reifungsphase in den Nebenhoden.
Was ein Mann heute verändert, wird deshalb nicht morgen im Spermiogramm sichtbar. Veränderungen bei Ernährung, Rauchen, Alkohol, Schlaf, Hitzeexposition, Gewicht oder Mikronährstoffversorgung brauchen Zeit.
Drei Monate sind deshalb keine magische Zahl. Sie sind ein biologisch sinnvolles Arbeitsfenster.
Genau aus diesem Grund empfehle ich Paaren seit Jahren, sich möglichst nicht erst wenige Tage vor einer IVF oder ICSI mit der Qualität ihrer Keimzellen zu beschäftigen.
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Eine Schwangerschaft entsteht in diesem Sinne bereits Monate vor der Befruchtung. Die Gesundheit eines Embryos beginnt nicht an Tag eins nach der Befruchtung. Sie beginnt bereits während der Reifung der Ei- und Samenzellen. Das ist aus meiner Sicht eine der wichtigsten Botschaften des Kongresses.
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3. Warum eröffnete ein Kinderwunschkongress mit einem Vortrag über Evolutionsbiologie?
Der dritte Punkt hat besonders die Akademikerin in mir nachdenklich gemacht. Denn die Keynote Lecture trug den Titel Theory of Evolution of Human Infertility. Seit Jahren frage ich mich, wann dieses Thema endlich auf die große Bühne kommt 🙂
Doch warum beginnt ausgerechnet ein Kongress, auf dem modernste genetische Tests, KI-Algorithmen und Embryodiagnostik vorgestellt werden, mit Evolutionsbiologie?
Vielleicht, weil die Reproduktionsmedizin inzwischen an einem entscheidenden Punkt angekommen ist.
Mehr als zehn Millionen Kinder verdanken ihr Leben bereits der IVF-Medizin. Gerade weil die Technologie so weit fortgeschritten ist, dürfen und müssen wir jetzt auch andere Fragen stellen:
Warum ist die menschliche Fortpflanzung manchmal so schwierig?
Weshalb bekommen manche Paare keine Kinder, obwohl alles in Ordnung zu sein scheint?
Wie entstehen so viele Eizellen mit Chromosomenfehlern?
Und warum ist das fruchtbare Zeitfenster der Frau im Vergleich zu ihrer gesamten Lebensspanne so kurz? Etc., etc.
Die Evolution optimiert nicht auf maximale Fruchtbarkeit
Evolution verfolgt keinen genauen Plan. Sie optimiert auch nicht auf möglichst hohe IVF-Erfolgsraten.
Entscheidend ist, ob ein Individuum unter den jeweiligen Umweltbedingungen seine Gene ausreichend erfolgreich weitergeben kann.
Viele Eigenschaften des menschlichen Körpers sind deshalb Kompromisse, die wir erst noch zu verstehen versuchen.
Das gilt möglicherweise auch für:
- die begrenzte Eizellreserve,
- die hohe Zahl chromosomal fehlerhafter Embryonen,
- die harte Selektion bei der Einnistung,
- die seltsam invasive menschliche Plazenta,
- die starke Abhängigkeit der Fortpflanzung von Energieverfügbarkeit und Umwelt.
Die Kinderwunschmedizin versucht verständlicherweise, Hindernisse zu überwinden. Doch manchmal müssen wir zuerst verstehen, warum diese Hindernisse existieren. Und ob sie nicht in manchen Fällen sinnvoll sind.
Nicht jeder Mechanismus, der eine Schwangerschaft verhindert, ist automatisch ein Defekt.
Das bedeutet nicht, dass wir Paaren im Rahmen des Möglichen nicht helfen sollten. Gleichzeitig bedeutet es aber, dass die Zeit gekommen ist, Grenzen zu erkennen, festzulegen und auch zu verteidigen.
Weniger KI und Technologie, zurück zur Biologie
Für mich war genau das die unterschwellige Botschaft und Stimmung auf dem Kongress.
Die Branche braucht nach wie vor moderne Labore, hoch qualifizierte Spezialisten und neue Verfahren. Gleichzeitig müssen wir wieder genauer auf die drei bis fünf Monate vor der Befruchtung und auf die letzte Meiose mit all den damit verbundenen Prozessen schauen. Viele Ärzte haben diese Phase kaum auf dem Radar und konzentrieren sich zu sehr auf den Behandlungszyklus.
Vielleicht wird die nächste große Verbesserung der Schwangerschaftsraten deshalb nicht allein durch eine neue KI-Software entstehen.
Vielleicht entsteht sie vielmehr aus der Verbindung moderner Zellbiologie, individualisierter Medizin und eines besseren Verständnisses der Monate vor der Befruchtung.
Literatur und weiterführende Quellen
- Zielinska A et al. Restoring Shugoshin 1 reduces chromosome errors in human eggs. bioRxiv. 2026. Preprint ansehen
- Mihalas BP et al. Age-dependent loss of cohesion protection in human oocytes. Current Biology. 2023. Publikation ansehen
- Stephenson J et al. Before the beginning: nutrition and lifestyle in the preconception period and its importance for future health. Lancet. 2018;391:1830–1841. Publikation ansehen
- Tully CA et al. Assessing the influence of preconception diet on male fertility: a systematic scoping review. Human Reproduction Update. 2024;30:243–261. Publikation ansehen
- ESHRE. 42nd Annual Meeting – Main Programme. London 2026. Kongressprogramm ansehen

